Ist Frankls sinnzentrierte Psychotherapie heute noch aktuell? (Elisabeth Lukas)

Anlässlich des 20. Todestages von Viktor E. Frankl am 2. September 2017 gab es zahlreiche Veranstaltungen, darunter eine Fernsehsendung des ORF zum Gedenken an diesen „großen Sohn Österreichs“, einen Wissenschaftler, dessen Ruhm um die Welt ging. Bei dieser Fernsehsendung hat der Moderator eine interessante Parallele gezogen. Nämlich dass in den 1930erjahren des vorigen Jahrhunderts, in denen Frankl die Grundzüge seiner sinnzentrierten Psychotherapie namens „Logotherapie“ entworfen hat, die allgemeine Stimmungslage in seiner Heimat (und darüber hinaus) der heutigen Stimmungslage großer Bevölkerungsteile nicht unähnlich gewesen ist. Die Menschen wussten damals nicht, was auf sie zukommen werde, aber sie ahnten Schlimmes – und wie sich alsbald zeigen sollte, zu Recht. Sie fühlten sich an gigantische politische und wirtschaftliche Mächte ausgeliefert. Die rasanten technischen Entwicklungen (immerhin war die Atombombe in Vorbereitung) machten ihnen Angst. Extreme Grausamkeiten (in Richtung Antisemitismus) breiteten sich unter sogenannten Normalbürgern ungezügelt aus. Heute sind es andere Entwicklungen und andere Grausamkeiten (etwa im Internet), aber die Gefühle des Ausgeliefertseins und der Angst unter den Menschen sind dieselben, und die Ahnung von etwas Schlimmen, das sich auf der internationalen Bühne zusammenbrauen könnte, ist nicht minder vorhanden. Unter diesem Aspekt war Frankls Gedankengut eine starke philosophisch-psycholo­gische Gegenströmung zur „Pathologie des Zeitgeistes“, und ist es noch.

Betrachten wir einige Eckpfeiler seines Gedankengutes.


Es hält die Würde des Menschen hoch. Damals wie heute schien ein Menschenleben nicht viel zu gelten. Und immer wieder wurden und werden gewisse Menschenleben als weniger wertvoll eingestuft als andere. Frankl jedoch filterte aus sämtlichen Unterschieden, die uns Menschen von einander trennen, den gemeinsamen spezifisch humanen Nenner heraus, der uns über Rassen, Religionen, Parteien oder Hautfarben hinweg eint. In seinem Konzept von einer „geistigen Dimension“, mit der wir menschlichen Wesen begabt sind, konnte er überzeugend darlegen, dass uns allen eine Ursehnsucht, ein „Wille zum Sinn“ innewohnt, dass dieser Wille der Potenz nach frei ist, und dass sich Glück, Selbstbestimmung und Frieden nur einstellen, wo diesem Willen gefolgt wird.

Es kommt auf jeden Einzelnen an. Jeder Einzelne hat in dem kleinen Umfeld, in dem er sich geistig bewegt und wirkt, einen minimalen Spielraum, den er auf positive oder negative Weise nützen kann. Es gilt, die Aufmerksamkeit von jenen Mächten, an die wir ausgeliefert sein mögen, abzuziehen und sinnorientiert zu handeln, wo immer dies möglich ist. Dabei können wir auf die Assistenz unserer innersten „Gewissensstimme“ vertrauen, die uns bekömmliche Wege weist und bei Grausamkeiten einzubremsen versucht. Sinnorientierung sprengt die Zielsetzung von Eigenvorteilen und Lustgewinnen, weil sie die Mitmenschlichkeit und das Wohl der Umwelt in ihr Kalkül mit einbezieht. Wenn genügend Einzelne sinnorientiert handeln, kann Gutes für Viele entstehen.

Es kommt nicht nur auf Taten, sondern auch auf die Gesinnung an. Der Mensch kann sich zu allem und jedem auf eine Art seiner Wahl einstellen. Von diesen individuellen Einstellungen hängen nicht nur seine Entscheidungen, sondern auch seine seelische Verfassung und seine Ausstrahlung auf andere Menschen ab. Insbesondere wenn ein trauriger Sachverhalt nicht (mehr) zu ändern ist, stellt sich die Frage nach der Haltung, mit der ein Betroffener diesen Sachverhalt trägt bzw. erträgt, mit Brisanz. Er kann mit Hader und wütenden Rundumschlägen reagieren, mit Depression und Verzweiflung. Er kann sich aber auch zu Gelassenheit und heroischer Akzeptanz aufschwingen. Die tapfere Annahme eines unabänderlichen Leides ist ein Akt höchster Sinnerfüllung.

Die Beschäftigung mit der Sinnfrage steigert den Bewusstheitsgrad einer Person. Zweifellos liegt darin die eminente Bedeutung des Franklschen Gedankengutes für die heutige Zeit. Zur Begründung sei zunächst geklärt, was unter Bewusstheit zu verstehen ist. Gemeint ist nicht, dass etwas Unbewusstes (über sich selbst), das in einem Menschen schlummern würde, diesem plötzlich oder allmählich bewusst würde. Mit solch „aufdeckenden“ Prozessen haben sich die Vorgänger Frankls, allen voran Freud und Adler, intensiv beschäftigt. Beim Phänomen der Bewusstheit geht es hingegen um Erkenntnisse (über Werte), die noch nicht oder nicht genügend in einem Menschen schlummern. Es geht um Erkenntnisse, die in eines Menschen Bewusstsein hineingelangen sollen. 

Sehen wir uns ein paar einfache Beispiele an:

Ein Kind ist schlechter Laune und verpasst der Hauskatze einen Fußtritt. Ist dem Kind bewusst, welchen Schmerz es der (unbeteiligten) Katze zufügt? Ein Mann verschlingt in seiner Mittagspause zwei Portionen Fastfood und trinkt eine Flasche Bier dazu. Ist dem Mann bewusst, wie sehr er seinen Organismus belastet? Eine Frau ist auf eine tüchtige Arbeitskollegin neidisch und verschweigt ihr wichtige Informationen. Ist der Frau bewusst, wie unfair sie sich verhält?      

Die Beispiele können auch in eine andere Richtung fortgeführt werden. Ein Kind wächst behütet in einer intakten Familie auf. Ist dem Kind bewusst, dass ihm ein Privileg zuteil geworden ist, dass unzählige Kinder vermissen? Ein Mann genießt eine erholsame Urlaubsreise auf seiner Jacht. Ist dem Mann bewusst, dass sich Millionen Menschen für ein paar Bissen Brot unsäglich abrackern müssen? Eine Frau feiert ihren 80. Geburtstag. Ist der Frau bewusst, welche Gnade es ist, so alt werden zu dürfen?

 

Die Beispiele zeigen, dass jegliche Anhebung des Bewusstheitsgrades Bezüge zu existierenden Werten herstellt, achtsam und dankbar macht, und zu verantwortlichem Leben stimuliert. Nie zuvor war dies nötiger als heute in unserer dicht besiedelten, hektisch pulsierenden Welt. Denn sobald Werte bewusst wahrgenommen werden, keimt eine intrinsische Zuneigung zu ihnen auf – der Mensch neigt sich ihnen geistig zu, er will ihnen nicht mehr schaden, er will sie erhalten und fördern; in ihrem Banne fühlt er sich ihnen seltsam verpflichtet, als wären sie ihm auf die Seele gebunden und ins Herz geschrieben. Das Kind, das die Hauskatze schätzt, tritt sie nicht. Der Mann, der den Wert der Gesundheit kennt, verzichtet auf Unmengen von Fastfood- und Bierkonsum. Die Frau, die die Tüchtigkeit ihrer Arbeitskollegin ehrlich bewundert, hintergeht sie nicht.

 

Dankbare Personen wiederum wissen, dass nicht jedermann solche Gründe zur Dankbarkeit hat. Wer als Kind behütet war, fühlt Mitleid mit vernachlässigten Kindern und setzt sich nach Kräften für sie ein. Wer im materiellen Wohlstand lebt, unterstützt freigiebig Darbende. Wer ein hohes Alter erreicht hat, jammert und klagt nicht … aber nur bei hinreichender Wertbewusstheit, und daran mangelt es leider oft.

 

Diesen Mangel beheben kann die Beschäftigung mit der Sinnfrage, wie Frankl entdeckt und gelehrt hat. Täglich stellen wir uns Fragen und müssen sie beantworten. Von banalen Fragen wie: „Was soll ich heute anziehen?“ „Soll ich mit dem Fahrrad noch eine Runde drehen?“ oder „Soll ich mir den späten Krimi angucken?“ bis hin zu ernsten Fragen wie: „Soll ich meiner Mutter ins Gesicht sagen, wie sehr sie mir auf die Nerven geht?“ „Soll ich mir den teuren Wagen leisten und dafür einen Kredit aufnehmen?“ oder „Soll ich die begonnene Ausbildung abbrechen, weil sie mir zuwider ist?“ ringen wir ständig um Antworten ans Leben. Wirklich Qualität bekommen unsere Antworten jedoch einzig und allein, wenn die Sinnfrage mitberücksichtigt wird. Dann und nur dann steigt, wie erläutert, die Bewusstheit über Werte und lenkt unsere Antworten in sinnvolle Bahnen wie etwa: „Warm anziehen wäre jetzt klug“, „Bewegung auf dem Fahrrad wäre super“, „Schlafen wäre besser als Krimi-Schauen“, „Ein offenes aber freundliches Gespräch mit der Mutter wäre zu empfehlen“, „Der teure Wagen müsste nicht sein“, oder „Die Ausbildung sollte lieber durchgezogen werden“. Antworten unter dem Horizont der Sinnfrage sind nicht durchgehend angenehme Antworten, aber auf jeden Fall sind es Antworten, die keine Werte riskieren sondern sie eher auf Hochglanz polieren, was für das gesamte Umfeld zuträglich ist.

 

Demzufolge ist Frankls Werk, das sich um des Menschen „Sinnerfassungskapazität“ rankt, heute aktueller denn je. Die großen Fragen, die sich gegenwärtig stellen, sprengen jeglichen bisherigen Rahmen. Jeder Einzelne ist aufgefordert, sie für sich selbst – möglichst sinnvoll – zu beantworten. Auf jeden Einzelnen kommt es an, wie wir gehört haben, auf seine Taten und auf seine Gesinnung. Von jedem Einzelnen wird mit abhängen, welche „Erde“ und welches „Erbe“ die nächsten Generationen vorfinden werden: ein unvorstellbares Massendesaster oder eine funktionsfähige Menschheitsfamilie. Skizzieren wir einige Stich­worte dazu:

Stichwort „Klima“:

Die Frage nach dem Sinn kurbelt die Bewusstheit an, dass wir biologischen Wesen auf klimatische Bedingungen angewiesen sind. Sie inspiriert zur materiellen Selbstbeschränkung und zum Klimaschutz.

Stichwort „Natur“:

Die Frage nach dem Sinn kurbelt die Bewusstheit an, dass saubere Luft, sauberes Wasser, Pflanzen und Tiere Schätze sondergleichen sind. Sie inspiriert zum sorgfältigen Umgang mit diesen Schätzen.

Stichwort „Mitmenschen“:

Die Frage nach dem Sinn kurbelt die Bewusstheit an, dass wir eine Spezies mit gleicher Würde und gleichen Rechten sind. Sie inspiriert zu gegenseitiger Achtung, Toleranz und friedlicher Koexistenz.

Stichwort „Arbeit“:

Die Frage nach dem Sinn kurbelt die Bewusstheit an, dass nur Arbeiten, die in Ruhe und gern gemacht werden, gut gemacht werden. Sie inspiriert zur Absage an Ausbeutung, Rivalität und Hetzjagd.

Stichwort „Familie“:

Die Frage nach dem Sinn kurbelt die Bewusstheit an, dass es für heranwachsende Kinder nichts Besseres gibt als eine familiäre Geborgenheit. Sie inspiriert zum Erhalt von Liebe, Treue und Beständigkeit.

Stichwort „Konsumation“:

Die Frage nach dem Sinn kurbelt die Bewusstheit an, dass Vitalität mit dem Maße dessen zu tun hat, was man in sich und sein Zuhause „hineinstopft“. Sie inspiriert zu Vernunft und Bescheidenheit.

Stichwort „Zeitverwendung“:

Die Frage nach dem Sinn kurbelt die Bewusstheit an, dass Zeit eine kostbare Ressource mit Ablaufdatum ist. Sie inspiriert zur Vorsicht bei Zerstreuungen und zur Konzentration auf Wesentliches.

Stichwort „Leid“:

Die Frage nach dem Sinn kurbelt die Bewusstheit an, dass es auch im Leid noch Möglichkeiten gelingenden Lebens gibt. Sie inspiriert zu innerem Wachstum und zur kreativen Bewältigung von Frustrationen.

Stichwort „Freude“:

Die Frage nach dem Sinn kurbelt die Bewusstheit an, dass echte Freude ein Nebeneffekt jeder Wertberührung ist. Sie inspiriert zum Widerstand gegen artifizielle Glücksbringer und Suchtgefahren.

 

Diese wenigen Stichworte mögen vollauf genügen, um die Aktualität von Frankls Gedankengut zu unterstreichen. Weit über den ursprünglich medizinischen und psychotherapeutischen Raum hinaus gewinnen Frankls Einsichten im 21. Jahrhundert zunehmend an Befürwortern. Althergebrachte Traditionen lösen sich auf, Gesellschaften befinden sich im Umbruch, alte kulturelle und moralische Standpunkte brennen herunter, aber im Schutt und in der Asche dieser Trümmer leuchtet der Sinn auf wie ein unvergänglicher Kristall. Solange Menschen ihn suchen und finden (und das werden sie kraft ihrer Geistigkeit immer tun), können positive Innovationen entstehen und wird Zukunft eine Chance haben.

 

Wenn Frankl uns nur darauf aufmerksam gemacht hätte, hätte er es bereits verdient, ein Genie genannt zu werden.